Elfenbeinturm

Ein Zimmer in der Stadt. Ein Bett. Ein Schreibtisch. Ein Schrank. Poster an der Wand. Auf dem Bett Kopfhörer auf Ohren. Ein Prinz der über Türme singt.

Außerhalb der Stadt, weit außerhalb der Stadt ein Dorf. In diesem Dorf eine Landstraße, von der ein Weg abgeht. Kaum begangen, durch einen Wald, durch ein Feld, über Stöcke, ein paar Steine. Am Ende ein Bauernhof. Eine heruntergekommene Scheune, dreckige Fensterscheiben mit kaputten Läden. Eine verlassene Hundehütte, Stille. Viel zu viel Stille.

Nur im Obergeschoss ist eine fauchende Flamme zu sehen. Aber die Petroleumlampe erhellt das Zimmer nur bei Tag. Falls die Wolken es zulassen. An allen anderen Tagen streiten sich der Staub am Fenster, der Dreck am Fenster und das hereinfallende Licht so sehr, dass die Horden nur noch diffus in das Zimmer einfallen. 

Ein blasses Zimmer, ein Zimmer, in dem kaum noch Einfälle den Bewohner erhellen. Was auf den ersten Blick famos erscheint, genauer betrachtet jedoch nur Moos offenbart: Eine stille Treppe wendelt sich durch dem Raum, an den Wänden entlang hangeln sich Regale voller Bücher. Bücher, deren Inhalte überholt, Regale, die kurz vor dem Zerfall stehen. Überhaupt wabert ein Hauch von Moder durch das Anwesen.

Nicht Unschuld daran trägt der Anwesende: Er trägt nur Hose, eine ihm nicht passende Hose, und eine Brille. Die Brille ist schwarz, die Gläser sind rund und haben viel durchgemacht, um die Mitte ist etwas Klebeband gewickelt. Der Anwesende sitzt an einem Schreibtisch, einem viel zu großen Schreibtisch. Um herum herrscht Chaos, ein Zettel hier, eine Notiz hier, ein Buch hier, ein leerer Teller dort. 

 

So war es die längste Zeit. Vor vielen Jahren zog ein Wirbelsturm durch die Lande und zerstörte den Bauernhof. Der Weg dorthin wuchs zu, der Anwesende sieht ihn nur noch manchmal, wenn er spazieren geht. Mittlerweile sitzt er an einem Esstisch, um ihn herum nach wie vor endlose Zettel.

"Kannst du die Klassenarbeiten später korrigieren und unseren Sohn holen? Das Essen ist fertig." 

Als er an die Tür klopfen will, hört er leise Musik aus dem Zimmer schleichen:

 

"Wenn alles untergeht, bleib ich hier und bleib bei dir, du bei mir, wenn nichts anderes übrig bleibt, bleibt das Wir."

von Benedikt