Stahllicht

Sie blickt hinab.

Vier Meter unter ihr, entlang eintönig lackierter Kleinwagen, plätschert sich die regennasse Straße ihren Weg. Dieser führt, einer sanften Schwingung unterlegen, vorbei an rapide gealterten Wohnblöcken und jahrelang jugendlicher Zerstörungswut ausgesetzten Mülleimern, Sitzbänken sowie Straßenverkehrsschildern einen Hang hinab. Vorbei an heruntergekommenen Fassaden, deren verwitterte Haut regelmäßig neu mit unsauberen und lieblos hingeschmierten Tags eingekleidet wird. Vorbei an mit aus dem Bordstein herausgebrochenen Brocken eingeworfenen Fensterscheiben. Vorbei an sich selbst Resozialisierungsanstalt schimpfende Sammelbecken für Gauner, Halunken und Ganoven. Am Boden des Talkessels angekommen, fließt – schwappt – die Straße auf die mit Industrieleichen garnierte Hauptader des Viertels über. Fürwahr, bei schlechtem Wetter ist diese Stadt ein fürchterlicher, verdammter Moloch.

Sie blickt hinab und es ist beinahe unmöglich zu sagen, wie viel von diesem Elend sie überhaupt wahrnimmt. Weder ihre Haltung – stramm, aufrecht – noch ihr stählerner Blick haben jemals Informationen über ihren Gemütszustand verraten. Sie wacht über die Siedlung seit es sie gibt.

Ich bewundere sie sehr; sie gibt mir Halt, wenn sich alles dreht. So wie jetzt. Ich werfe einen letzten Blick in ihr strahlendes Antlitz, dann kotze ich der Laterne vor die Füße. 

von Frederik